Ein halbes Jahr lang habe ich mir selbst Schweigen auferlegt, um mich in Ruhe auf die Magisterprüfungen an der Uni vorbereiten zu können.

Es brodelt.

Selten fehlten mir so die Worte für eine Sporttyp-Kolumne wie jetzt, eine halbe Stunde nach dem bayerischen Derby im ehemaligen Frankenstadion. Deshalb beginne ich mit einer Frage, die ich mir in den letzten Tagen häufig gestellt habe: Warum verliert die deutsche Sportjournalistenkaste genau in dem Augenblick, in dem die Bundesliga durch die größten Veränderungen der Saison geht, ihre kritische Stimme und genügt sich darin, die Trainerwechsel in München, Hamburg und Mönchengladbach mit offenem Mund zu bestaunen? Klar waren wir alle überrascht. Spieler, Trainer, Fans und natürlich auch die Pressevertreter – gerade mit dem Rauswurf Felix Magaths konnte außerhalb der Bayern-Führungsriege niemand rechnen. Doch nun ist es Zeit, einen Schritt weiter zu gehen. Die entscheidende Frage lautet: waren diese Trainerwechsel gerechtfertigt?

Mit Jupp Heynkes muss man sich nicht lange aufhalten, gerade wenn man davon ausgeht, dass tatsächlich Morddrohungen der Grund für seinen sich ohnehin abzeichnenden Rückzug waren. Gladbach ist für mich bereits seit Mitte der Hinrunde, noch vor Mainz und dem HSV, Abstiegskandidat Nummer Eins.

In Hamburg sieht die Sache ähnlich aus, wenn auch große Teile der deutschen Medienlandschaft auf die Unzulänglichkeiten Thomas Dolls ähnlich reagieren wie wie Bunte-Leser auf die neuesten Eskapaden der britischen Thronfolger, denen man ob ihres jugendliches Charmes ohnehin nichts übel nehmen kann. Statt offener Kritik am konzeptionslosen Spiel, das die Hamburger auf den letzten Tabellenplatz führte, konnte sich Doll bei der morgendlichen Zeitungslektüre meist an Verständnis, ja Mitleid ergötzen. Stattdessen war eine Trennung längst überfällig.

Womit wir beim FC Bayern und dem heutigen Spiel angelangt wären. Ein Spiel, das ich aus mehreren Gründen am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen würde. Denn obwohl nun mit Ottmar Hitzfeld der größte Trainer der vergangenen zehn Jahre wieder auf der Bank Platz genommen hat, trug die Partie gegen Nürnberg (wie sollte es auch anders sein) noch immer die Handschrift seines Vorgängers Felix Magath. Einfallslos, unkreativ, bestenfalls bemüht. Mit wenigen Ausnahmen, besonders in der Champions' League, könnten diese Adjektive auf jedes Spiel der Münchner in der laufenden Spielzeit angewendet werden. Es ist unbegreiflich, dass Magath aus dieser Diagnose keine Schlüsse zog und seine Trainingsmethoden nicht auf die bekannten Probleme ausrichtete. Stattdessen dominierten bis zuletzt Konditionseinheiten, während das Spiel mit dem Ball trotz Unmutsbekundungen der Mannschaft sträflich vernachlässigt wurde. Hitzfeld und Henke können einem fast Leid tun, mitten in den Saison Laufwege und Spielzüge einstudieren zu müssen. Dementsprechend hilflos wirkte der neue, alte Bayern-Coach gerade im Interview bei Arena.

Die Leistungen der aktuellen Saison setzen zudem die beiden Doubles der Vorjahre in ein neues Licht. Wäre es möglich, dass man die Erfolge nicht mit, sondern trotz Felix Magath an die Säbener Straße holte? Dass ein überragender Michael Ballack genügte, um dem Magath'schen Spielsystem die Statik zu nehmen? Dass man besonders zu Beginn der Ära Magath noch von den Vorarbeiten Hitzfelds, gerade im Bezug auf das Spielverständnis der gesamten Mannschaft, zehrte. Ich gebe zu, dass diese Schlüsse ein bisschen weit hergeholt sind, doch ist es schon auffällig, dass auch ehemalige Kreativkräfte im Laufe der Zeit immer mehr ins Mittelmaß des Bundesligadurchschnitts sanken.

Zuletzt noch etwas ganz anderes: wenn Arena weiterhin Günther Koch die Spiele des 1. FC Nürnberg kommentieren lässt und sich dieser wie heute zu einem völlig spielverzerrenden Tenor hinreißen lässt, werde ich zum Ende der Saison mein Abonnement kündigen. Ernsthaft. Wie soll sich ein gegnerischer Fan fühlen, wenn der Ansager des Easy Credit Stadions genau den charakteristisch gepressten Torjubel imitiert, der 30 Sekunden zuvor von Koch zu hören war? Dazu kommen dann noch implizite Unterstellungen des Reporters, dass Bayern-Fans nur aus Opportunismus Anhänger ihres Vereins seien – natürlich nicht ohne fünf Minuten später selbstgerecht zu betonen, dass der Club, ja der Club, im Gegensatz zu erfolgsverwöhnten Mannschaften (geht’s bitte noch deutlicher) ausschließlich echte Fans habe. Objektive Statistiken wie die Torschussquote von 12:4 für die Münchner bleiben selbstverständlich unkommentiert – wo kämen wir denn da hin? – oder werden, wie die eine oder andere knappe Abseitsentscheidung munter durch die Vereinsbrille betrachtet. In diesem Sinne: schönen Abend, lieber Zuhörer...

... und Zuschauer.